Vorwort

Ea Bertrams “x-rays” waren meine erste Begegnung mit dem gleichermaßen berührendem wie  verstörendem Werk einer Künstlerin, die aufs Ganze geht. ‘Röntgenbilder’ sagt der Titel dieser von 2002 bis 2004 entstandenen Serie von Großbilddias in Lichtkästen. Zu sehen gibt es zentralsymmetrisch aufgefächerte, filigrane Ornamentstrukturen, deren versammeltes Farbleuchten an Rosettenfenster gotischer Kathedralen erinnert. Sie sind schön, erhaben schön, bestechend. Den Betrachter trifft der Stachel in dem Moment, wenn er erfährt, dass er keiner frei phantasierten Ornamentik gegenüber steht, sondern digital  bearbeiteten Computertomographien von Ea Bertrams eigenem Gehirn. Wir erinnern uns…

Rilke, Erste Duineser Elegie, 1912: “…das Schöne ist nichts/als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,/und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,/uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.” Auch die in der Galerie Angelika Harthan 2004 in Stuttgart gezeigte Werkgruppe von auswattierten Stoffobjekten, die in bunten Dekorstoffen an langen ‘Wurmfortsätzen von der Decke baumelten, sind in ihrer kindlichen Anmut schrecklich: sie bilden keine Formen, sondern Deformationen,  Geschwülsten ähnlicher als lebenden Wesen. Schläfer” hatte Ea Bertrams diese bereits  vor 2001 begonnene Serie getauft: anspielend auf das, was im eigenen Körperinnern schlafend lauern mag.

Der Körperbezug ist bei allen Arbeiten von Ea Bertrams entscheidend, im Hinblick auf die organoide Gestalt ihrer bildnerischen Objekte wie auch im Hinblick auf den Betrachter, dessen Wahrnehmungsverhalten. Johannes Meinhardt arbeitet in seinem Katalogessay diesen Aspekt deutlich heraus. Wir können nicht anders als beim Betrachten der so befremdlichen Objekte in unserem psychosomatisch/somatopsychischen Selbst affiziert zu sein: sie rücken uns nah, sind FREMDKÖRPERNAH.
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Werner Esser
(Auszug)